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Wegweiser für Rio

Ein Artikel von Jan D. Walter
Sebastian Fricke ist der „Guide“ von Paralympics-Teilnehmerin Katrin Müller-Rottgardt.

Eine Zeit lang gehörte Sebastian Fricke zu den schnellsten deutschen Sprintern seines Jahrgangs. Für den TV Gladbeck 1912 hat der gebürtige Bottroper an zahlreichen Leichtathletik-Wettbewerben teilgenommen. Und das erfolgreich: Vier Goldmedaillen hat er allein auf Deutschen Jugend-Meisterschaften gewonnen – bei Staffelwettbewerben über 100, 200 und 400 Meter. 2008 wurde er zweiter bei den Deutschen U23-Meisterschaften über die Königsdistanz von 100 Metern – mit der Staffel und im Einzelwettbewerb.

Danach warfen ihn kleinere Verletzungen immer wieder zurück. Besonders schmerzhaft war ein Bandscheibenvorfall, den sich Fricke beim Krafttraining zugezogen hatte. Eine Computertomographie im Gladbecker St. Barbara-Hospital ergab, dass keine Operation nötig sei. Aber trotz guter Genesung, gelang es dem Athleten nicht, seine alten Leistungen abzurufen – geschweige denn, sie zu übertreffen.

Kurzer Abschied

Anfang 2014 beendete Fricke seine Karriere als Leistungssportler – nach 15 Jahren Leichtathletik beim TV Gladbeck 1912. „All die Energie und Disziplin, die man aufbringen muss – das lohnt sich nur, wenn man auch ganz vorne mitmischen kann“, erklärt er im Interview. Fortan wollte Fricke Sport wieder als Hobby sehen: „Mit ein paar Freunden in der Kreisliga gepflegten Fußball spielen oder im Wittringer Schlosspark joggen gehen“, so stellte er sich seine sportliche Zukunft vor. Doch dann kam ein Anruf, der sein Leben erneut auf den Kopf stellen sollte.

Eine Freundin fragte ihn, ob er Katrin Müller-Rottgardts neuer „Guide“ sein wolle. Die zweifache Paralympionikin hat eine Sehbehinderung. Ihr stehen nur drei Prozent Sehkraft zur Verfügung; das heißt, sie kann lediglich hell und dunkel unterscheiden sowie grobe Umrisse erkennen. Damit sie auf einer Tartanbahn nicht aus der Spur kommt, braucht sie jemanden, der ihr den Weg zeigt: einen „Guide“ (Begleiter).

Ungefähr zur selben Zeit, als Sebastian Fricke den Leistungssport aufgab, kehrte die gebürtige Duisburgerin Müller-Rottgardt nach 13 Jahren in Berlin ins Ruhrgebiet zurück. Beim TV Wattenscheid 01 fand sie zwar gute Trainingsbedingungen vor, aber niemanden, der sie beim Sprint begleiten konnte. Denn der Guide muss etwas schneller sein, als die Person, die er führt. Und Müller-Rottgardt gehört in ihrer paralympischen Startklasse über 100 und 200 Meter Sprint sowie im Weitsprung zu den besten der Welt: Bei den paralympischen Spielen in Athen (2004) und Peking (2008) qualifizierte sie sich jeweils für das Finale. Und 2016 will sie das in Rio de Janeiro wieder schaffen.

Neue Chance

Fricke musste nicht lang überlegen: „Ist doch toll, wenn man helfen kann!“, habe er damals gedacht. Außerdem reizte ihn die Herausforderung. Denn das Zusammenspiel zwischen den beiden Athleten ist äußerst sensibel: An den Händen fest miteinander verschnürt müssen sie im absoluten Gleichschritt laufen. Gut also, dass Frickes Schrittlänge mit der von Müller-Rottgardt genau übereinstimmt. Aber das größte Problem ist damit noch nicht gelöst – der Start: „Es ist schon allein schwierig genug, früh, aber ohne Fehlstart aus den Blöcken zu kommen“, erklärt der routinierte Sprinter. „Aber zu zweit läuft man zusätzlich Gefahr, sich gegenseitig zu behindern.“

Doch offensichtlich bekommen die beiden das gut hin. Mit Fricke als Guide läuft die 33-jährige Müller-Rottgardt schneller denn je. Bereits im Sommer 2014 brachen die beiden die deutschen Rekorde über 100 und 200 Meter. Bei der WM 2015 in Katar wurden sie fünfte. Inzwischen liegt ihre Bestzeit über 100 Meter bei 12,29 Sekunden. Nur vier Konkurrentinnen weltweit waren bisher schneller. „Wenn wir diese Zeit noch einmal bestätigen“, hofft Fricke, „sind wir in Rio mit dabei.“

Gelegenheit hatten sie dazu bei der Europa-Meisterschaft in Grosetto, Italien (10. – 16. Juni 2016). Damit ist für den Gladbecker der Traum von der Teilnahme an einem internationalen Groß-Event doch noch in Erfüllung gegangen: „Spätestens seit London 2012 sind die Paralympischen Spiele ein hochklassiges und absolut professionell ausgerichtetes Turnier“, schwärmt der erfahrene Athlet. Und natürlich galt wie bei Olympia auch hier das Motto: Dabei sein ist alles.