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360 Grad Der Themenblog der KKEL

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Ein Deckel für den Pott

Ein Artikel von Jan D. Walter
Blick nach oben aus den Tiefen des Pumpwerks Gelsenkirchen

Mitten im Ruhrgebiet befindet sich eine der größten Baustellen Deutschlands. Es werden Schächte sowie Tunnel ausgehoben und doch geht es nicht um Kohleabbau. Ein unterirdischer Kanal soll ab 2018 die Abwässer von mehr als zwei Millionen Menschen entsorgen. Denn bisher fließen diese ungeklärt in die Emscher. KKEL 360° hat sich das Projekt aus der Nähe angesehen.

Obwohl die Sonne bereits wärmend vom Himmel strahlt, zeigt das Thermometer nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt an. Es ist Mitte März, als das Reporter-Team von KKEL 360° sich in Schalke-Nord trifft, um dort die Baustelle eines Pumpwerks der Emschergenossenschaft in Augenschein zu nehmen.

Das Bauwerk ist Teil eines unterirdischen Kanals, der die Lebensqualität der Anwohner hier nachhaltig steigern soll. Denn trotz der niedrigen Temperatur liegt ein Hauch von faulen Eiern über dem Gelände. Er weht herüber von der Emscher, der „größten Kloake Europas“, wie das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ einmal schrieb. „Wie es hier im Sommer riecht, möchten Sie gar nicht wissen“, sagt der Ingenieur Reinhard Ketteler, der als Gebietsmanager den Bau für die Emschergenossenschaft beaufsichtigt.

Im Gespräch mit Reinhard Ketteler, Gebietsmanager der Emschergenossenschaft

Vom Biotop zur Kloake

Bis vor gut 100 Jahren noch war die Emscher ein lebhaftes Flüsschen, das sich mit ihren Seitenarmen von Holzwickede nahe Dortmund hinunter bis zum Rhein schlängelte. Der nach ihr benannte Bruchwald war ein artenreiches Feuchtgebiet, das die Landschaft prägte. Davon ist kaum noch etwas übrig, denn um 1900 weitete sich der Bergbau von der Ruhr her nach Norden aus. Und die immer zahlreicher dort siedelnden Menschen verunreinigten mit ihrem Schmutz und ihren Fäkalien die Emscher und deren Nebenarme.

Umgekehrt wurde aber auch die Emscher zur Bedrohung für die Menschen. Schuld daran waren die zahllosen Absenkungen des Bodens, die der Bergbau hervorrief. Das ohnehin hoch stehende Wasser der Emscher überflutete mehrmals im Jahr die Wohngebiete und schwemmte den Unrat der Menschen zurück in die Straßen und Keller.

Um das zu verhindern, zwängte man den Fluss ab Beginn des 20. Jahrhunderts in ein Korsett: Nach und nach wurde die Emscher so zu einem offenen Abwasserkanal. Sank der Boden erneut ab, schütteten die Ingenieure bis zu acht Meter hohe Deiche auf, lenkten die Emscher um oder taten das, was gerade nötig war.

Nur eins taten sie nicht: den Abwasserkanal abdecken. Und so fließt die Emscher bis heute offen durch das Ruhrgebiet und mit ihr die ungeklärten Abwässer von mehr als zwei Millionen Menschen und ihren Arbeitsstätten.

Ein Mammutprojekt für bessere Luft „Wenn Sie in Dortmund etwas die Toilette hinunterspülen, schwimmt es irgendwann hier vorbei“, sagt Bauleiter Ketteler und deutet auf die schillernde Oberfläche des Abwasserstroms. Der Ingenieur steht auf der Schaltzentrale des Gelsenkirchener Pumpwerks. Das Dach des rund zehn Meter hohen Bauwerks ist öffentlich zugänglich. In der Ferne erblickt man von dort die Veltins-Arena. Direkt vor einem klafft ein 40 Meter tiefes schwarzes Loch im Boden: das Becken des Pumpwerks.

Eine 40 Meter hohe Stahltreppe führt zum Boden des Beckens.

Ketteler leitet nicht nur den Bau des Pumpwerks, sondern den des ganzen Emscher-Abwasserkanals. Ein echtes Mammutprojekt: „Derzeit wird an rund 120 Stellen gleichzeitig gebaut“, sagt Ketteler. Insgesamt werden über die 51 Kilometer von Dortmund nach Dinslaken 73 Kilometer Tunnel gegraben und mit Betonröhren ausgekleidet. Dazu kommen 100 Schachtanlagen, über die Abwässer aus den Nebenkanälen zugeleitet werden, und drei Pumpwerke.

Diese sind nötig, damit der Kanal später nicht zu tief verläuft. Der Kanal muss auf jedem Kilometer um 1,5 Meter abfallen, um die vorgesehene Abflussgeschwindigkeit des Wassers von vier Stundenkilometern zu erreichen. „Der Kanal käme also in einer Tiefe von rund 80 Metern in Dinslaken an“, erklärt Ketteler. Um das zu verhindern, sollen drei solcher Anlagen das Wasser zwischendurch immer wieder hochpumpen: In Oberhausen und Bottrop wird das Abwasser direkt in die dortigen Klärwerke geleitet.

In Gelsenkirchen kommt das Abwasser in einer Tiefe von rund 40 Metern an und fließt auf einem Niveau von etwa 15 Metern unter der Oberfläche weiter. Damit das Becken auch bei starken Regenfällen nicht überläuft, sind in den Tiefen des Pumpwerks neun elektrisch betriebene Pumpen installiert, die das Abwasser mit einer maximalen Förderleistung von 14 Kubikmetern pro Sekunde 25 Meter in die Höhe katapultieren.

Neben der Baustelle des Pumpwerks fließt die Emscher.

Gute Luft und grüne Ufer

Die beeindruckenden Zahlen werden durch ein imposantes Bauwerk gestützt. Dieser Eindruck entsteht insbesondere, wenn man bis auf den Boden hinabsteigt. Doch Ingenieur Ketteler wiegelt in seiner nüchternen, westfälischen Art ab: „Technisch gesehen ist das eher alltäglich. Es gibt größere Pumpwerke; Abwasserkanäle sind in den meisten Ballungsräumen Europas ein Standard.“

Die größte Herausforderung sei eine andere: „Man muss im Vorhinein wissen, was alles schief gehen kann, um es zu verhindern“, sagt Ketteler. 2006 haben er und seine Mitarbeiter mit der Planung begonnen. Erst zwei Jahre später lagen die ersten Genehmigungen vor, Baubeginn war 2009. Seither gehe es voran: „Bisher liegen wir zeitlich und finanziell genau in der Planung.“

Wenn es so weiter geht, wird der Abwasserkanal 2018 in Betrieb gehen und 1,1 Milliarden Euro gekostet haben. Eine große Menge an Geld, die aber gut investiert ist, meint der Bauleiter: „Wenn wir fertig sind, fließt kein Abwasser mehr in die Emscher“, verspricht Ketteler. „Das wird die Lebensqualität der Menschen nachhaltig steigern.“ Und das nicht nur, weil die Luft dann besser riecht.

Die Befreiung der Emscher vom Abwasser ist eines der größten wasserwirtschaftlichen Projekte Europas.

Ihr Ziel ist nicht nur die Aufwertung des Ballungsraums Ruhrgebiet, sondern auch die Renaturierung der durch den Bergbau massiv beanspruchten Landschaft. Der Kanal von Dortmund nach Dinslaken ist nur ein Teil davon. Insgesamt investiert die Emschergenossenschaft in über 30 Jahren rund 4,5 Milliarden Euro in ein umfassendes Kanal- und Klärsystem im nördlichen Ruhrgebiet.

Trotz allen Aufwands wird die Emscher nie mehr in ihr altes Flussbett zurückkehren. Aber es wird sich eine neue Landschaft bilden. Dort, wo der Umbau abgeschlossen ist, am Oberlauf und in manchen Seitenarmen haben Pflanzenund Tiere bereits begonnen, sich wieder anzusiedeln.