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KKEL-Seelsorge

Es war einmal die Volkskirche

Ein Artikel von Propst André Müller

Ja, es war einmal. Die Kirche im Dorf, der ortsansässige Pfarrer, das Pfarrbüro, der Kaplan in jeder alten Pfarrei, die Gemeindereferentin, der Hausmeister, der Küster, der Organist.

40 – 50 % der Menschen in unserer Region in Horst, Gladbeck, Resse, oder Kirchhellen sind zur Kirche gegangen. Das war so Anfang der 60er Jahre. Und viele waren wir in der Bevölkerung, viele im Bergbau Arbeitende, viele Getaufte aus Schlesien sowie aus Ostpreußen. Und viele getaufte Kinder waren da. Es war einmal, dass die Menschen neben der Arbeit und der „bürgerlichen Familie“ jeden Sonntag den Kirchgang für sich in Anspruch nahmen. Sie nahmen am Verbandsleben der Pfarrei teil, die Pfarrjugend florierte.

Nun gilt es, die radikalen Umwälzungen, die uns treffen, anzunehmen. Um „Kirche im Volk“ zu sein, erscheint es wichtig, alte, damals Wert zu schätzende pastorale Ansätze einer „Volkskirche“ zu verändern und sich grundsätzlich strukturell und inhaltlich in einer sich radikal immer schneller wandelnden und ausdifferenzierenden Moderne neu aufzustellen: einerseits nach innen im Sinne der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums ("Lumen gentium") und andererseits nach außen, im Sinne der Pastoralkonstitution („Gaudium et spes“) hinein in die Welt von heute – mit und für die Menschen der heutigen Zeit und deren Denken, Glauben und Fühlen.

Dabei hat uns die Vision getragen, Getaufte und Gefirmte zu befähigen, zu ermächtigen, kooperativ und eigenverantwortlich für die Kirche vor Ort in allen Stadtteilen in den Verantwortungsbereichen „Mitmenschen helfen“, „Glauben kommunizieren“, „Gottesdienste feiern“ und „Gemeinschaft leben“ zu wirken: Ein Vorhaben, das die pastorale Arbeit Haupt- und Ehrenamtlicher neu beschreibt. Ehrenamtsakademie und Ehrenamtskoordination sind neben einem hauptamtlichen „Projekt-Management-Officer“ Hauptmodule im Organigramm der Pfarrei, die an Orten und in Projekten arbeitet, die hoffentlich in einen Regelbetrieb übergehen.

Gerade die Projektarbeit, die neben der konkreten Seelsorge im Bereich der Kasualien an Wichtigkeit gewinnt und auf die hin das Pastoralteam geschult worden ist, erscheint nach dem Prozess der Pfarreientwicklung, die auch das künftige Gebäudemanagement beinhaltet, eine der Hauptpfeiler pfarrlich-pastoralen Arbeitens zu sein. Nahezu 30 Projekte sind nach dem fast konformen Abstimmen des Votums am 20.8.2015 identifiziert worden. Sie gilt es jetzt zu skizzieren, mit ehren- und hauptamtlichen Leitungen zu hinterlegen und als pastorale und innovative Unternehmen anzulegen.

Dieser Prozess bedarf größter Sorgfalt, stetem Coaching, dauerhaft geistlicher Begleitung und Verortung sowie einer Lern- und Motivationsbereitschaft aller Beteiligten. Schwierig ist es, den Spagat zwischen Altem und Neuem auszuhalten. Oftmals wird immer noch das Alte, heißt die Territorialgemeinde, mit ihren Gesetzmäßigkeiten und Gewohntem wirkmächtig. Das hilft noch bedingt, weil diese Pfade bekannt und geübt sind. Aber konsequent das Neue auch im Sinne einer wirklich guten, neuen Praxis hervorzubringen, Gestalt werden zu lassen und sichtbar zu machen, das bedarf aller Kraft, Übersicht und Stringenz. Konflikte lassen sich bei diesen Übergängen nicht vermeiden. Sie müssen bearbeitet werden. Und erstaunlich: Durch Ehrenamtskoordination und wertschätzendes Berufen neuer Engagierter baut sich die Ehrenamtlichkeit stetig um. Neue kommen hinzu: überkonfessionell, teilweise interreligiös. Jugendverbände bleiben bestehen, „Young caritas“ entsteht.

Mir ist sehr bewusst: Der Weg, den wir gemeinsam in Gladbeck und im Bistum Essen in Verantwortung eingeschlagen haben, ist kein leichter, weil er Gewohntes nicht nur hinterfragt, sondern auch verändert und neue Sozialbezüge über die Stadtteilgrenzen hinaus einfordert. Der Weg setzt aber bewusst die „Brille der Generation unter 40“ auf, weil wir auf sie hin ja die Kirche in Gladbeck unter den beschriebenen und vom Bischof festgelegten und auch finanziellen Rahmenbedingungen mit Einsparungen von 50 % bis zum Jahr 2030 entwickeln werden.

Kirchenschließungen hinzunehmen und mitzutragen, Bündelungen der Kräfte abzuverlangen – all dies ist in Zeiten schwieriger werdender Glaubenskommunikation bis in die Familien hinein ein substantiell Kräfte zehrendes Unterfangen.

Die Kirche so aufzustellen, dass sie auch in den nächsten Jahrzehnten eine Strahlkraft des Glaubens weitergeben kann, das ist Kernauftrag allen pastoralen, gottesdienstlichen und geistlichen Handelns.

Es war einmal Volkskirche, es kommt die Kirche im Volk.

Ihr Propst André Müller
Pastor St. Lamberti, Gladbeck