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„Die Lebensqualität für den Patienten bewahren!“

Im Gespräch mit Dr. med. Andreas Reingräber, Chefarzt der Klinik für Geriatrie im St. Josef-Hospital Gelsenkirchen

Ein Artikel von Michael Seiß

Seit mehr als 20 Jahren beinhaltet das Leistungsangebot der Krankenhäuser der KKEL GmbH auch eine geriatrische Klinik. Chefarzt Dr. med. Andreas Reingräber hat von Beginn an in entscheidender Weise dazu beigetragen, die heutigen Qualitätsstandards der 74 stationäre Betten und 15 Tagesklinikplätze umfassenden Klinik für Geriatrie im St. Josef-Hospital Gelsenkirchen zu erreichen.

Der Begriff Geriatrie bezeichnet die Lehre und Behandlung von Krankheiten des alternden und alten Menschen. Geriatrie hat den Anspruch, ganzheitlich zu sein und versucht, der körperlichen, seelischen und sozialen Situation des alten Menschen gerecht zu werden. Die Patienten sind in der Regel mindestens 70 Jahre alt und häufig durch mehrere Vorerkrankungen beeinträchtigt. Durch eine schwere Akuterkrankung oder eine fortschreitende, länger bestehende Erkrankung kommt es zu einer drohenden Einschränkung der Alltagskompetenz, die selbständige Lebensführung ist beeinträchtigt.
Das Ziel ist die Wiederherstellung einer größtmöglichen Selbständigkeit, wenn nach einer Akuterkrankung oder durch eine fortschreitende chronische Erkrankung Behinderung oder Pflegebedürftigkeit drohen oder bereits eingetreten sind. Hierzu arbeitet die Abteilung in einem multiprofessionellen Team, in dem jede Berufsgruppe ihren Teil zur Gesamtbehandlung beiträgt. Zum geriatrischen Team gehören Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen und der Sozialdienst.

Vor etwas mehr als 20 Jahren waren sie verantwortlich für den Aufbau der Klinik für Geriatrie in der KKEL GmbH. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Die Geschichte dieser Abteilung reicht zurück bis in das Jahr 1998. Damals habe ich im St. Antonius-Krankenhaus Kirchhellen meinen Dienst aufgenommen. Mein Auftrag war es, die Abteilung für Innere Medizin in eine geriatrische Klinik umzubauen. Das Patientenklientel, das ich am 1. Oktober 1998 vorgefunden habe, bestand aus etwa zehn somatisch zu betreuenden Alkoholikern, ausgelagert aus der Psychatrie. Zu Jahresbeginn 1999 war die gesamte Abteilung inklusive der Intensivstation bereits komplett belegt. Unser Angebot wurde sehr gut angenommen. 2004 habe ich dann im damaligen St. Hedwig-Hospital in Resse die Leitung einer zweiten geriatrischen Klinik übernommen. Nach dem Auszug der Gynäkologie und Geburtshilfe aus dem St. Josef-Hospital im Jahr 2006 wurden die beiden geriatrischen Kliniken an ihrem jetzigen Standort zusammengelegt.

Bitte schildern Sie uns das geriatrische Leistungsangebot Ihrer Klinik.
Wir sind heute eine gewachsene akutgeriatrische Abteilung. Dies ist mir wichtig zu betonen, weil es in Deutschland zwei Versorgungsstrukturen gibt. § 111 bezeichnet eine reine geriatrische Rehabilitation, wohingegen die Akutgeriatrie nach §109 die Akutversorgung des älteren Patienten im Krankenhaus umfasst – von der Direktaufnahme aus der Praxis oder der Verlegung des Patienten aus einer akutbetreuenden Abteilung nach einer Akuterkrankung, nach einer Operation, nach einem elektiven Eingriff, nach einem Hüftgelenkersatz oder nach einem Schlaganfall. Neben dem medizinisch-somatisch-internistischen Auftrag sind wir im Besitz der frührehabilitativen Kapazitäten. Das ist der Ansatz, den wir hier verfolgen. Wir machen die Funktionsdiagnostik unserer Patienten selbst, untersuchen sie mit modernsten Methoden der Ultraschalldiagnostik oder der Endoskopie, und darüber hinaus bieten wir mit der Zusatzbezeichnung der Geriatrie das frührehabilitative Konzept.

Eine Krankheit kommt im hohen Alter selten allein. Nehmen Sie das auch so wahr?
In der Tat ist es problematisch, dass die Patienten in den höheren Altersgruppen eine Vielzahl von Erkrankungen mitbringen. Über den Daumen gerechnet sage ich: pro Lebensjahrzehnt eine Erkrankung. Beispiel: Ein 80-jähriger Patient hat nicht selten acht Grunderkrankungen – und eine akute, die ihm einen Krankenhausaufenthalt beschert. Dadurch ist er möglicherweise gefährdet, seine gesamte Alltagskompetenz zu verlieren. Im Extremfall hat ein Patient eine Lungenentzündung und endet im Pflegeheim. Der Auftrag der Akutgeriatrie ist es, diese deletären Prozesse möglichst zu stoppen und sehr frühzeitig neben der Behandlung der akuten somatischen Probleme mit frührehabilitativen Maßnahmen zu beginnen. Dies kann vollstationär geschehen, aber auch teilstationär in der geriatrischen Tagesklinik, deren Patienten die Nacht daheim oder in der Kurzzeitpflege verbringen. Diese werden tagsüber zu den diagnostischen und therapeutischen Verrichtungen mit dem Transportdienst vom Roten Kreuz hierher geholt und abends wieder in ihr häusliches Umfeld verbracht.

Wie definieren Sie das Leistungsspektrum der Geriatrie?
Das riesige Spektrum geht wirklich sehr in die Breite, so dass man es mit Allgemeinmedizin für das Alter überschreiben könnte. Von der akuten internistischen Erkrankung über neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall über alle Formen von Demenz bis hin in den operativen Bereich – sei es bei Stürzen mit Brüchen oder Gelenkersatz im Alter. Dazu decken wir die Bereiche von urologischen bis hin zu gynäkologischen Erkrankungen ab.

Ein Mensch geht vielleicht gezielt zum Internisten oder zum Chirurgen, aber eher weniger gezielt zum Geriater. Wie findet der Patient zu Ihnen?
Das ist in der Tat eigenartig und letztlich eine Frage der berufspolitischen Verortung unseres Fachs. Als ich angefangen habe, mich für Altersmedizin zu interessieren, galt dies als ausgesprochen unsexy. Heute ist es so, dass sich alle Fachgebiete der Medizin um den alten Patienten gruppieren. Da haben wir die Altersorthopäden, die Altersneurologen, die Alterskardiologen oder die Alterschirurgen. Etwas spitz formuliert bilden die nichtgeriatrischen Patienten heute eine deutliche Minderheit. Ich stelle gern die provokative Frage: „Warum muss sich die Geriatrie immer dafür erklären, was sie da tut?“ Im vergangenen Jahrhundert haben sich die Kinderärzte aus der Inneren Medizin heraus gebildet. Heute ist es völlig normal, mit einem Kind zum Kinderarzt zu gehen. Dass ein alter Mensch gezielt einen Altersmediziner aufsucht, ist hingegen selten der Fall. Da steckt ganz viel Berufspolitik hinter und ein großes Interesse, den medizinischen Markt aufzuteilen. Das erkennt man auch daran, dass wir in der Geriatrie in einer inhomogenen Fortbildungslandschaft leben. Es gibt nur in drei Bundesländern den Facharzt für die Geriatrie. Im angelsäschsischen und dem skandinavischen Raum gibt es den Facharzt für Altersmedizin, der dort als Teilgebiet in der Inneren Medizin verortet ist. Das ist in Deutschland berufspolitisch gegenwärtig nicht durchsetzbar, weil dies gewisse ärztliche Berufsgruppen nicht wollen. Im Umkehrschluss aber sehe ich hierfür einen unglaublichen Bedarf. Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen, die in diesem Lebensalter entsprechend behandelt werden, spürbar davon profitieren, dass man Pflegebedürftigkeit verhindern oder hinauszögern kann. Insofern glaube ich, dass hier eine sehr sinnreiche Arbeit verrichtet wird.
Aber um nochmals auf Ihre Fragestellung zurückzukommen: Vielleicht geht auch deshalb kaum jemand gezielt zu einem Altersmediziner, weil sich niemand eingestehen will, alt zu sein. Umgekehrt höre ich im Nachgang sehr häufig von Patienten oder deren Angehörigen, dass sie richtig froh sind, in der Geriatrie behandelt worden zu sein. Weil sich hier wirklich Menschen kümmern, den Patienten wieder auf die Beine zu bekommen und nicht bloß Pillen oder Infusionen verabreichen. Das ist etwas, was uns von der rein internistischen Betrachtungsweise trennt. In meinen Augen zählt es, die Lebensqualität für den Patienten zu bewahren. Dazu gehört nicht allein der Blick auf das somatische Symptom, sondern auch auf das Umfeld des Patienten. Wie lebt er? Wo wohnt er? Wie gut ist er versorgt? Hat er Treppen im Haus? Kann er diese noch bewältigen? Haben wir die Chance, ihn wieder in sein häusliches Umfeld zu verbringen? Hat er soziale Bezüge? Ist da jemand, der sich um ihn kümmert? Mit all diesen Fragestellungen gilt es sich zu beschäftigen.

Wie sehen Sie das St. Josef-Hospital gegenwärtig im regionalen Vergleich aufgestellt?
Im regionalen Umfeld gibt es das Marien-Hospital Wattenscheid, welches mittlerweile ein gewachsenes Fachkrankenhaus für Geriatrie ist. Dieses Haus ist in meiner Wahrnehmung das größte Haus in der Umgebung. Doch auch unser St. Josef-Hospital ist in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht leuchtturmartig
unterwegs. Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und führen mit dem Qualitätssiegel vom Bundesverband der Geriatrie seit vielen Jahren das höchste Gütesiegel. Wir haben hier bereits zu Kirchhellener Zeiten eine Datenbank entwickelt, die die speziellen geriatrischen Bezüge definiert und dokumentiert und mit der wir unserer Zeit ein gutes Stück voraus waren. Diese Datenbank ist mittlerweile in ganz Deutschland etabliert.

Inwieweit wirken sich die jüngst vollzogenen strukturellen Veränderungen auf das St. Josef-Hospital aus?
Es ist für uns eine neue Situation, die einzige verbliebene Klinik an diesem Krankenhausstandort zu sein. Wir waren in diesem Haus über viele Jahre mit einem Akutkrankenhaus verortet, mit direkten Aufnahmen in der Inneren Medizin, in der Chirurgie, in der Onkologie, mit Schmerzpatienten aus dem anästhesiologischen Bereich. All dies waren breite Kontaktstellen hinsichtlich gemeinsamer Patienten, die nun weggebrochen sind. Wir steuern nun auf den Fachkrankenhaussektor für den älteren Patienten zu. Dies wird hier im Haus offen kommuniziert, und ich glaube, dass sich das in der Bevölkerung vor Ort herumspricht und auch akzeptiert wird. Auch, wenn anfänglich große Berührungsängste mit der Umstrukturierung des Hauses registriert wurden. Die Menschen hätten gern ihr Ortskrankenhaus behalten, welches aber in diesem Sinne nicht mehr zukunftsfähig war. Ich bin der Überzeugung, dass wir hier eine sehr ordentliche Arbeit abliefern und glaube daran, dass auch von den umliegenden Ärzten und Krankenhäusern begriffen wird, was wir hier tun.

Am Standort St. Josef-Hospital soll in den kommenden Jahren ein Zentrum für Altersmedizin entstehen – Geriatrie und Gerontopsychiatrie unter einem Dach. Wie ist diese Maßnahme zeitlich einzuordnen? Welche konkreten Ziele und Visionen haben Sie diesbezüglich?
Der Weg bis hin zu diesem Zentrum wird sicherlich ein anstrengender. Mich würde es sehr freuen, wenn ich nach nunmehr 20 Dienstjahren auch diesen Weg in verantwortlicher Position begleiten darf. Mir wird seitens der Geschäftsführung gespiegelt, dass die diesbezüglichen Maßnahmen auf einem guten Weg sind. Die geplanten und auch notwendigen baulichen Maßnahmen sind allerdings erheblich. Es ist geplant, die alte Verwaltung abzureißen und an dieser Stelle ein modernes Bettenhaus zu errichten. Anschließend soll die im Grunde sehr schöne Substanz dieses alten katholischen Krankenhauses zukunftsfähig gemacht werden. Mit einem modernen Bettenstandard, Zweibettzimmern, behindertengerechten Duschen – das bedeutet schon eine gewisse technische Herausforderung. All dies sind jedoch Standards, die zunehmend auch von unserer Altersklientel eingefordert werden. Wenn man dann einen Leuchtturm wie in Wattenscheid vor der Nase hat mit Neubau in allen Bereichen, müssen wir angesichts der Konkurrenzsituation an unserem Standort Hand anlegen und aufschließen.

Hinsichtlich der technischen Ausstattung bietet Ihr Haus aber bereits jetzt modernste Standards?
In technischen Dingen sehe ich dieses Haus ganz hervorragend ausgestattet. Insbesondere war es mir immer wichtig zu betonen, dass wir hier Akutmedizin machen. Um es mal plakativ zu sagen: Wir haben heute Patienten in der Gesellschaft, die mit 84 Jahren mit einem Herzinfarkt vom Golfplatz ins Krankenhaus kommen. Die gehören nicht in die Geriatrie, sondern ins Herzkatheterlabor. Umgekehrt haben wir viele Patienten mit einer chronischen Herzinsuffizienz, die nicht primär in die Kardiologie müssen, weil nicht interveniert werden muss. Dies kann auch ein Geriater behandeln, der Internist ist.
Wie können wir uns den kollegialen Austausch mit der Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation von Herrn Dr. Leßmann im Elisabeth-Krankenhaus Erle vorstellen?
Wir kennen uns seit weit über 20 Jahren und pflegen seit jeher einen sehr kollegialen Austausch. Und das wird auch so bleiben, zumal ja ohnehin der Plan besteht, dass unsere beiden Abteilungen am Standort St. Josef zusammengeführt werden.

Zu Ihrer Person: Was hat Sie als junger Mensch inspiriert, sich für einen medizinischen Beruf zu entscheiden?
Mein Vater war neun Jahre in Russland und kam als ein schwerkranker Mann, aber mit ungebrochenem Lebenswillen nach Hause. Auf diese Weise wurde ich früh konfrontiert mit Spitzenmedizin im universitären Bereich. Ich empfand es als sehr beeindruckend und aus der familiären Erfahrung heraus auch sinnreich und beglückend, dass man medizinisch etwas tun konnte. Zunächst habe ich eine Lehre zum Bankkaufmann absolviert, habe aber während meiner Ausbildungszeit für mich erkannt, dass ich doch lieber Medizin studieren möchte. Parallel zu meiner Ausbildung habe ich dann mit großer Freude mit dem Studium begonnen und glaube schon, dass ich damit den richtigen Lebensweg beschritten habe.

Wie fiel die Wahl auf Ihre Fachdisziplin?
Den Weg in die Altersmedizin habe ich eher zufällig gefunden. In der Uniklinik bin ich an alle denkbaren internistischen Fachbereiche gelangt. Als ich später in einem Lehrkrankenhaus in Witten tätig war, wurde dort eine geriatrische Abteilung etabliert, und ich wurde als Altassistent dieser neuen Abteilung zugeschlagen. Von dieser Entscheidung war ich zunächst wenig angetan, viel lieber wollte ich große Medizin machen. Aber dann habe ich erkannt, was in dieser Abteilung möglich war. Wir haben Patienten bekommen, die wir durch die rein internistische Brille betrachtet nicht für wesentlich behandelbar hielten, die dann aber wieder auf eigenen Beinen nach Hause gingen oder Schlaganfallpatienten, die wieder anfingen zu sprechen. In dieser Phase habe ich für mich erkannt, dass es eine Medizin gibt, die über den akuten Bereich hinaus geht und mit der man richtig gute Dinge machen kann. Und dabei bin ich dann geblieben. In der Nachschau kann ich festhalten, dass sich mir auf meinem Weg in die Altersmedizin viele Türen geöffnet haben. Es waren gute Türen. Ich habe nach wie vor sehr große Freude an meinem Fach.

Welche Dinge sind es, die Ihre Fachdisziplin für Sie zu einer besonderen machen?
Neben dem unglaublich breiten Spektrum des Fachs ist es für mich etwas Besonderes, viel mit Menschen zusammen zu sein. In unserer Kultur haben wir es ein Stück weit verlernt, das Alter zu schätzen. Die Patienten, denen ich in meinem Beruf begegne, können mir eine ganze Menge mitgeben durch die Weisheit des Alters, durch ihre Lebenserfahrung, durch ihren Blick auf das Dasein. Ich finde es sehr spannend, unterschiedliche Charaktere kennenzulernen und zu sehen, wie diese sich im zunehmenden Alter entwickeln. Und vor allem, sich selbst in diesem Licht einmal betrachten zu können. Nicht zuletzt ist es schön zu sehen, wie sich viele Menschen auch in hohem Alter ihren Humor bewahren und sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Wie nehmen Sie die Menschen in Gelsenkirchen beziehungsweise im Ruhrgebiet wahr?
Als gebürtiger Essener bin ich ein absolutes Kind des Ruhrgebiets. Diese deftig-herzliche Grundtugend finde ich toll. Ich habe in meinem Leben gelernt: Hier gehöre ich hin. Hier verstehe ich die Menschen, und die Menschen verstehen mich. Das einzige, was mich ein wenig vom typischen Ruhrgebietsmenschen unterscheidet: Ich habe keine Ahnung von Fußball. Aber ich habe in meinem Arbeitsbereich gelernt, regelmäßig auch in den Sportteil der Zeitung zu schauen. Denn wenn man in Gelsenkirchen montags zur Arbeit kommt, sollte man schon wissen, wie Schalke am Wochenende gespielt hat.